car trailsAnreiseinformationenDie Schnellstraße Florenz-Siena bei der Abfahrt San Casciano verlassen und den Wegweisungen Richtung Cerbaia folgen. Gleich nach der Örtlichkeit Bardella befindet sich via Pisignano; diese Straße beginnt bei der ehemaligen (und heute völlig verkommenen) Weinkellerei Antinori.

Adresse – Klicken Sie auf den Standortpfeil/Buchstaben auf der Landkarte, um die Adresse abzulesen

Dieses Mal gehen wir nur eine kurze Strecke. Enzo braucht vielleicht etwas mehr Zeit, während Raf und ich sogar zu Fuß gehen können, da der heutige Zielort ganz nah von unserem eigenen Zuhause entfernt ist, und sich sogar auf derselben Straße befindet. Die Weingüter, die wir heute besichtigen sind auf der via Pisignano gelegen, eine historische Kammlinie, die das wogende toskanische Hügelland durchquert, im Randgebiet des Chianti Classico bei San Casciano in Val di Pesa

Das Randgebiet des goldenen Horns

pointingHand_50x30Poggiopiano

Alessandro, Stefano e Giovanni Bartoli von dem landwirtschaftlichem Betrieb Poggiopiano sind unsere Nachbarn. Wir treffen uns regelmäßig, vor allem morgens, wenn wir unsere Kinder zur Schule bringen und wir auf der via Pisignano entlang fahren. Via Pisignano verbindet San Casciano mit der „Volterrana“, einer der ältesten Straßen in der Toskana, die von Florenz nach Volterra führt, und somit vom Inland zur Küste.

Onkel Stefano und insbesondere sein Enkel Giovanni (Alessandro ist Zahnarzt) werden als wahre „Pasdaran“ (Wächter) der toskanischen önologischen Tradition angesehen: ganz stolz bauen sie zwei hiesige Rebsorten an, Colorino und Canaiolo, von denen sie die Rohprodukte für ihren Wein erhalten, und natürlich auch Sangiovese, die erstranginge Rebsorte mit der Gott Bacchus dieses Land gesegnet hat.

Einer ihrer Weine nennt sich tatsächlich „La Tradizione“ und ist ein streng orthodoxer Chianti Classico. Wir fahren mindestens viermal am Tag an ihrem Haus vorbei und wir sind sehr vorsichtig, dass wir nicht einer ihrer kleinen hellbraunen Windhunde überfahren –letztens ist leider einer umgekommen. Es sind mittelgroße Whippet, die an scharf gespitzte Bleistifte erinnern und ganz so aussehen, als ob sie gerade einen Klaps auf den Hintern bekommen hätten.

Dann halten sie auch schwarze Hähne von der Rasse „Valdarno“, die wir bis vor Kurzem für unbedeutende Haushühner gehalten haben und die man am liebsten auf den Grillrost feuert, bis wir entdeckt haben, dass dieses berühmte Federvieh, dasselbe ist wie es auf dem Symbol der Chianti Classico Genossenschaft abgebildet ist. Noch eine Traditions-bezogene Rarität.

Anscheinend sind sie aber nur schön anzusehen, und sehr viel weniger zum Verzehr geeignet, da es sich um Hauskampftiere handelt und ihr Fleisch so hart ist wie Leder. Ein Ausflug auf das Landgut Poggiopiano lohnt sich wirklich: 1993 wurde es von Bartoli erworben und ist auf einem schönen Hügel 300 Meter über dem Meer gelegen. Auf 10 Hektar für Weinbaufläche werden fünf Weine erzeugt, von denen der Chianti Classico „Poggiopiano“ und der hervorragende IGT „Rosso di Sera besonders erwähnenswert ist. Außerdem werden zwei Sorten Grappa hergestellt.

Ganz in der Nähe wohnen wir, im Podere La Villa. Warum schaut ihr nicht nach dem Besuch des Landguts bei uns vorbei?

pointingHand_50x30“Bruscola”, die Verwirklichung eines Traumes

Label-Bruscola-2012Im Frühling und im Sommer werden die Besucher des Landguts von einem sanften Duft der Glyzinien willkommen geheißen: üppige hellblaue Blütendolden umschlingen festlich das Eingangstor. Jetzt im November ist die Atmosphäre nicht so strahlend, aber nichtsdestoweniger faszinierend durch die herbstlich Ocker und rote Farbmischung im Laub der Rebstöcke.

Es ist ein Familienbetrieb und wir werden von Gennaro Mori, dem Eigentümer, warm empfangen, sowie auch von seiner Schwester Marisa Mori und seinem Sohn Stefano, dem Geschäftsführer. Stolz zeigen sie uns das neuste Projekt, die Errichtung einer geräumigen Dependance, die als Frühstücksraum als auch als Speisesaal für 40-50 Personen dienen wird. Dieses Ambiente soll in Zukunft auch für Weinverkostungen Anwendung finden. Außerdem wird auch ein kleines Museum eingerichtet, in dem alte Werkzeugen ausgestellt werden, die einst für den Anbau und die Ernte von Oliven, Weinreben und Getreide, hier dieser Gegend der Toskana benutzt wurden.

Es ist auch wichtig zu unterstreichen, dass dieses Landgut nicht durch riesigem Kapitaleinsatz seitens adeliger Familien mit einer langen Tradition zustande gekommen ist, sondern es wurde von ehemaligen Halbpächtern mit viel Mühe erworben. Die Letzteren bewirtschafteten schon einst dieses Stück Land und konnten dann auch ihren Traum verwirklichen ein eigenes Grundstück zu besitzen. Das war auch die Geschichte von „Großvater Dante“ und „Großmutter Torellina“. In den siebziger Jahren lösten sie sich von ihrem bisherigen Grundstücksbesitzer, gründeten dieses Unternehmen und konnten ihren Kindern einen erfolgreichen landwirtschaftlichen Betrieb hinterlassen, mit einer vielversprechenden Zukunft.

Die große Dreschmaschine

gal12_smHeute wird nicht nur Wein und Öl hergestellt, sondern es werden auch 4 Ferienwohnungen mit je einer eigenen Kochnische ausgestattet angeboten.

Als Vater Dante 1975 “La Bruscola” erwarb – der Name stammt von den Schilfkörben, mit denen die Oliven geerntet werden- „gingen sieben Familien aus dem Haupteingangstor ein und aus“, erzählt uns Gennaro. Dann geling es ihm allmählich, dank der zünftig toskanischen Mentalität der hiesigen Bauern, dass die sieben Familien außerhalb des Hauptgebäudes umgesiedelt wurden. Das Anwesen wurde dann umgebaut und die agrotouristische Aktivität konnte entstehen.

Worauf es dem Haus „La Bruscola“ wirklich ankommt, ist die Tradition zu bewahren. Aus diesem Grund ist die große Dreschmaschine, die einst vom Vater für seine Arbeit als Landpächter benutzt wurde, schön sichtlich ausgestellt. Heute können wir diese imponierende landwirtschaftliche Maschine bewundern, als Symbol einer jüngsten Vergangenheit, die sich mit der Geschwindigkeit der heutigen Welt immer schneller von uns entfernt. In den letzten Jahren sind Bauernfeste mit Hilfe von der Gemeinde San Casciano organisiert worden. Bei dieser Gelegenheit wird die alte Dreschmaschine wieder in Gang gesetzt, um an wertvolle Momente wie das Dreschen der Weizen zu erinnern.

Wandel in der Mentalität

Dieses kleine, sehr aktive Anwesen mit sechs Hektar Land hat die eigene Produktion in zwei Hälften aufgeteilt: drei Hektar Weinreben talabwärts und drei Hektar Olivenhaine, die ungefähr 120-130 Zentner Oliven ergeben. La Bruscola erzeugt ein hervorragendes Olivenöl, und dies trotz der Tatsache, dass 1200 Bäume auf Grund des Frosts 1985 gestorben sind -die Temperatur war auf -25°C gesunken- und die neuen Pflanzen noch recht jung sind.

Die progressive Veränderung in der Tradition der Landpächter förderte Innovation vonseiten der Söhne und Enkel, die dennoch die „gelernten Lektionen“ nicht vergessen haben. „Eines von den vielen Beispielen“, erzählt Gennaro, „betrifft die bejahrten offenen Holzbottiche, in denen die Weintrauben gekeltert wurden (damals wurden die Trauben mit den Füssen zerstampft und zertreten). Es war nicht einfach diese Holzbottiche außer Gebrauch zu setzen, denn es bedeutete eine jahrhundertalte Tradition und vor allem einen populären Brauch aufzugeben. Giacomo Tachis, ein bedeutender Önologe und zugleich Schwiegervater von Raf, der wenig hundert Meter entfernt wohnte, überzeugte sie dann Zementtanks zu gebrauchen. Von diesem Zeitpunkt an begann eine bedeutende Neuentwicklung.

So entstand die Produktion von Chianti Classico (ungefähr 3.000 Flaschen pro Jahr) und von Stibbio (ungefähr 1.200 Flaschen pro Jahr), ein ausgezeichneter IGT, der hauptsächlich aus Sangiovese-und Cabernet-Trauben gewonnen wird.

Die Produktion von Vin Santo ist ein weiteres Merkmal der ursprünglichen Tradition: dieser klassische Süßwein ist eines der Spitzenprodukte von „La Bruscola“ und wird heute noch während des Gottesdienstes benutzt.

Bevor wir uns in den Keller begeben, um die Weine zu probieren, lenkt Gennaro unsere Aufmerksamkeit auf das Herz des Landgutes: „Mein Vater wurde 1965 Eigentümer und in jener Zeit sehnten sich die ehemaligen Bauern nach einem wohlgeheiztem Haus, vor allem nach einer Küche, mit Möbeln aus Resopal, die nach und nach die alten „arme Kunst“ Möbel aus Holz ersetzten.

Als wir im Winter abends zu Bett gingen, schlupften wir unter einen Haufen von Decken und stellten ein Glas Wasser griffbereit auf den Nachttisch, damit wir nachts nicht aufstehen mussten. Morgens, beim Aufwachen, war das Glas von einer Eisschicht bedeckt. Durch die Fensterrahmen schlichen sich die Katzen ins Haus, und die Zimmertemperatur war sicher nicht höher als 1-2° C. Das Wort „Heizung“ war für uns wie ein Traum. Auch Plastik erschien uns ein Traum. Luxus der modernen Welt. Das war die Denkweise damals. Schade, dass Vieles von jener Zeit verloren gegangen ist, denn heute würde es einen ganz anderen Wert haben. Doch wir müssen bedenken, dass alle Entscheidungen zeitbedingt sind. Nur auf diese Weise kann man einige Entschlüsse nachvollziehen“.

Wir Kinder des Fortschrittdenkens und des wirtschaftlichen Wohlstandes können uns nur wundern wie es überhaupt möglich ist, in einem eiskalten Zimmer zu schlafen! Mit offenen Augen vor Bewunderung gehen wir in den Keller hinunter, wo die Weine reifen. Dort entdecken und verkosten wir die herrlichen Erzeugnisse von La Bruscola. Hier ist alles beim Alten geblieben: eine faszinierende und fesselnde Atmosphäre.  Wir trinken und scherzen als wären wir bei einem Treffen alter Freunde.

pointingHand_50x30Villa del Cigliano, zwischen Zauber und Wirklichkeit

Label Chianti Classico CiglianoUnsere dritte Besichtigung führt uns zu Villa del Cigliano, ein wahrhaftes Meisterwerk der Renaissance, das sich auf dem gegenüberliegenden Hügel von „La Bruscola“ befindet, einige hundert Meter weiter westlich Richtung Florenz. Dazwischen erstreckt sich ein Tal, wie eine Welle, mit seinen beträchtlichen Weinreben.
„Diese Landschaft ist wirklich außergewöhnlich“, denke ich, „alles umgibt ein zauberhafter Reiz“. Hier ist Welt-und Kunst- Geschichte geschrieben worden. Dies ist nicht der Fall für alle Orte, jedenfalls nicht mit derselben Intensität. Hier ist Schönheit der Bedeutsamkeit gleichgestellt.

Es ist kein Zufall, dass die drei Zielorte von heute so unterschiedlich sind, sei es in der Form als auch im Wesen. Es ist in der Tat unsere Absicht von verschiedenartigen Anwesen zu erzählen, die das Chianti-Gebiet charakterisieren, mit all seinem kulturellen Reichtum und endlosem Schöpfergeist.

Das Landgut ist in Familienbesitz und gehört Anna Maccaferri Montecchi, es wird geleitet von ihrem Sohn Niccolò und ihrer Tochter Elisabetta. Alle drei empfangen uns herzlich und wir fühlen sofort wohl als sie uns zu verstehen geben, dass sie nicht mit Samthandschuhen behandelt werden möchten, und dies trotz der engen Verwandtschaft mit der Familie Antinori. Die Villa wurde Mitte des 15. Jahrhunderts erbaut und ist anscheinend 1546 von Alessandro di Niccolò Antinori erworben worden. Sie befindet sich heute noch im Besitz eines Zweigs der Ursprungsfamilie.

Ungeachtet des alten Adeltums, legt Familie Montecchi viel Wert auf die harte Arbeit, die jeden Tag vollbracht werden muss. Von den insgesamt 60 Hektar Land sind 25 Hektar Weinberge, die für die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Landgutes wichtig sind. Sie möchten nicht als reiche, privilegierte Landbesitzer mit adeliger und jahrhundertalter Tradition angesehen werden, sondern als wahrhafte Bauern und Winzer, die sich stets bemühen das Beste aus Ihren Erzeugnissen zu gewinnen: ein Chianti Classico DOCG (Jahrgang und Riserva), ein IGT Toscana Rosso und Rosato, ein Vinsanto DOC (Chianti Classico) und ein Olivenöl extra vergine. Alle Produkte kennzeichnen sich durch eine starke toskanische Identität aus.

Innenaufnahme in der Villa

Innenaufnahme in der Villa

Flugblatt zum Anlass des jährlichen Ereignisses „Kunsthandwerk in der Villa“

Flugblatt zum Anlass des jährlichen Ereignisses „Kunsthandwerk in der Villa“

Die wahre Essenz des Menschen über Jahrhunderte hinweg

Unsere Unterhaltung ist angenehm und bereichernd. Selbstverständlich reden wir über die angebauten Rebsorten (vor allem Sangiovese, aber auch Canaiolo und Colorino, so wie Merlot, Cabernet, Sauvignon, Trebbiano und Malvasia) und über die Mitgliedschaft des Landgutes im Verband der italienischen eigenständigen Winzer. Dieser Verband hat die Aufgabe, die Winzer den Institutionen gegenüber zu vertreten, vor allem mit dem Ziel die Qualität und Authentizität der italienischen Weine zu bewahren. Aber wir nehmen uns auch die Zeit über Literatur und insbesondere über Dostojewski zu sprechen, und wie es diesem und anderen Autoren gelungen ist über Jahrhunderte hinweg, die wahre Essenz der Menschen ans Licht bringen, ohne an Ausdruckskraft und Zeitlosigkeit zu verlieren. Genauso versuchen es auch die Winzer, mit den Reben und dem Wein.

Die Anmut dieses Ortes fördern wahrlich hohe Gedanken und Eingebung.

Versteckte Schätze

vasca-540Dann besichtigen wir dieses wunderschöne Gebäude, dessen Fassade und Innenräume den klassischen Stil der Renaissance erhalten hat.

Im Innenhof, oberhalb der Rundbögen der Loggia, kann man zwei runde Majolika-Objekte von Giovanni Della Robbia mit den Wappen von Antinori und Tornabuoni bewundern. Im Untergeschoss befinden sich die historischen Keller, die heute zur Alterung des Weins dienen.

Aber wahrscheinlich ist der attraktivste Teil unseres Rundgangs der fabelhafte Garten aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Unter anderem umfasst er ein drei Meter tiefes mit Wasser gefülltes Becken, in dem sich die gänzliche Barockfassade der Villa widerspiegelt und gleichzeitig, auf der gegenüberliegenden Seite des Beckens sehen wir die Skulptur von Neptun mit all seinen grotesken Verzierungen aus Stein und Muscheln auf der Oberfläche des Wassers widergespiegelt. Eine wahrhaft erstaunliche allegorische Idee und verblüffende Leistung wenn man bedenkt, dass die Architekten von vor einem halben Jahrtausend, sicherlich nicht dieselben Messinstrumente hatten wie ihre heutigen Kollegen.

Als wir uns von den einzelnen Familienmitgliedern verabschieden, äußern sie noch einmal wie schwierig es sei ein derartiges Landgut aufrechtzuerhalten. Wir haben das unangenehme Gefühl uns von einem verzauberten Ort losreißen und zu unserem nüchternen Alltag zurückkehren zu müssen. Dennoch ist es uns lieber einen Traum in der Wirklichkeit erlebt zu haben, als ihn nicht erlebt zu haben.
Wie denkt ihr darüber?